Vor kurzem wohnte ich mal wieder für ein paar Tage in meinem Lieblingshotel in Tunis. Dort, wo sich der Maler August Macke im April 1914 einquartierte. Und dort, wo ich im Revolutionsjahr 2011 den Maler Friedemann Hergarten kennenlernte, dessen Brief über seine Tunesienreise vom Juni 2013 ich ebenfalls an dieser Stelle veröffentlicht habe (siehe "Maler-Post aus Tunis").

Auf dem großen und bequemen Doppelbett liegend erinnerte ich mich beim Anblick des oben abgebildeten Stuhls wieder daran, dass ich fast das gleiche Motiv schon einmal für einen früheren Blogeintrag verwendet hatte (siehe „Erinnerung an einen Balkon“).

Der seinerzeit abgebildete Balkon ging allerdings zur Straße hinaus. Diese kleine Nebenstraße wurde und wird noch immer in den Morgenstunden recht umtriebig und laut, da sich der Zentralmarkt von Tunis in der Nähe befindet. Mein diesjähriges Zimmer zum begrünten Innenhof war dagegen eine Oase der Ruhe. Am Morgen waren allerdings auch dort Geräusche zu hören und zwar die Schreie der unzähligen Schwalben und Mauersegler, die auch Friedemann Hergarten zu Beginn seines Briefes aus dem Jahr 2013 mit den folgenden Worten erwähnt: „Liebe Freunde, zuerst wird man hier von den Schwalben begrüßt. Sie kreisen zu Tausenden über der Stadt im hellen, schönsten Licht und der immer bewegten, perligen Luft, die dem Maler die Seele öffnet.“

Beim Nachlesen des oben erwähnten Blogeintrags stellte ich fest, dass ich das Vogelgeschrei im Jahr 2013 mit dem Hitchcock-Film "Die Vögel" in Verbindung gebracht und dabei "etwas Aufwühlendes und fast Beunruhigendes" empfunden hatte. Über den Vogelschwärmen konnte ich zudem von Zeit zu Zeit Flugzeuge im Anflug auf den Airport Tunis-Carthage beobachten - ein Anblick, der mich damals beruhigt hatte, nach dem Motto: "So lange der internationale Flughafen noch offen ist, kommst Du immer hier weg".

Der damalige Blogeintrag endet mit den folgenden Sätzen: "Zur Zeit ist es wirklich nicht leicht in Tunesien, in Ruhe zu leben, geschweige denn, sich tragfähige Zukunftsperspektiven zu schaffen. Wenn diese zwei Dinge dort überhaupt jemals einfach waren, jedenfalls in unserem, westlichen Sinne. Vor diesem Hintergrund habe ich den größten Respekt davor, dass Tunesien und die Mehrzahl seiner Menschen trotz der unsicheren Lage und der wachsenden Bedrängnisse und Gefahren (noch) nicht in Chaos, Anarchie oder Verzweiflung abgleiten. Möge Sie dies so bleiben! Denn die bevorstehenden Wochen und Monate werden sicher nicht einfacher werden."

Auch vier Jahre später kann ich diese Worte ohne Einschränkung teilen. Selbst die im letzten Satz anklingende Befürchtung vor einer möglichen Zuspitzung der politischen Lage kann ich im Mai 2017 ein weiteres Mal unterschreiben. Denn so deutlich wie kaum zuvor in den letzten Jahren liegt derzeit ein Gefühl der Anspannung und Unzufriedenheit in der "immer bewegten, perligen Luft". Woher diese Nervosität rührt, konnte ich nicht genau festmachen. Trotzdem war sie auf irgendeine Art und Weise fast überall spürbar, zumindest in Tunis.

Ein vor kurzem erschienener Bericht der International Crisis Group (IGC) mit dem Titel "La transition bloqué: corruption et régionalisme en Tunisie" bestätigt mich in diesem Gefühl. Eine der Grundthesen dieser aktuellen politischen und gesellschaftlichen Bestandsaufnahme besagt, dass der mit dem Wahlen im Jahr 2014 erreichte politische Kompromiss in Tunesien allmählich an seine Grenzen kommt. Trotz einer Regierung der nationalen Einheit sei das Land von einem wachsenden Gefühl des sozio-ökonomischen Ausschlusses bestimmter Regionen und einer schwindenden staatlichen Autorität gekennzeichnet, das vor allem von sich ausbreitender Korruption und Vetternwirtschaft genährt wird.

Eine wichtige Begleiterscheinung dieser Entwicklung sei eine zunehmende wirtschaftliche Polarisierung - nicht nur innerhalb der bestehenden Wirtschaftseliten, sondern vor allem auch zwischen den etablierten Wirtschaftsführern (der Küstenregion) und den neuen "Baronen der Schattenwirtschaft". Diese neue, insbesondere in den benachteiligten Regionen des Landes aufkommende und teilweise vom Schmuggelhandel profitierende Unternehmerklasse sei zur Durchsetzung ihres Einflusses in zunehmenden Maße gewillt und finanziell auch in der Lage, gewalttätige Proteste gegen die staatlichen Autoritäten zu unterstützen.

Um diese wachsende Konfrontation zu entschärfen, mahnt die ICG Reformen und einen damit verbundenen Dialog an, der vom Präsidenten, der Regierung, den wichtigsten politischen Parteien, den Gewerkschaften, den Vereinen sowie den einflussreichen Geschäftsleuten des Landes, inklusive denen der Schattenwirtschaft, getragen werden sollte. Dieser Dialog, der unvermeidlich auf Widerstand treffen wird, sollte in erste Linie darauf abzielen, die bisherige Wirtschaftsstruktur offener und für neue Akteure zugänglicher zu gestalten.

Übergreifend gesehen, sei damit auch die Entwicklung einer politischen Übereinkunft zwischen islamistischen und nicht-islamistischen Kräften gefragt, um einen echten und dauerhaften sozialen und regionalen Vertrag zu erreichen, der das Land vor einem Wiederaufflammen gewaltsamer Auseinandersetzungen und der Rückkehr zu einem diktatorischen Regime bewahrt.

Sehr positive Ausblicke auf die zukünftige Entwicklung bieten die Einschätzungen der ICG leider nicht. Aber ich denke, sie beinhalten eine recht realistische und solide Einschätzung von dem, was im Moment und in den nächsten Monaten in Tunesien ansteht. Interessanterweise bestätigen die aktuellen politischen Entwicklungen die Befunde der ICG. Denn mit dem Vorwurf der Finanzierung der Protestaktionen junger Arbeitsloser in Tataouine hat der Premierminister Chahed vor kurzem mehrere Festnahmen von „korrupten Geschäftsleuten“ veranlasst. Die Antwort auf diese recht überraschende und nicht ganz durchschaubare Initiative wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung mit dem Titel „Die Wut gegen den Zentralstaat führen zu gewaltsamen Protesten“ legt am Ende ebenfalls nahe, dass es sich bei der momentan etwas beruhigten Lage in Südtunesien möglicherweise eher um eine Ruhe vor dem Sturm handeln könnte.

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