Den Blogeintrag "Nizza, Berlin, Bodequelle" vom Sommer 2016 hatte ich mit der Bemerkung begonnen, dass die Einschläge allmählich näher kommen. Im Januar 2016 wurde bei einem Anschlag in Istanbul ein Ehepaar aus Berlin ermordet. Bei dem Attentat in Nizza kamen zwei Berliner Schülerinnen und ihre Lehrerin ums Leben. Kurz vor Weihnachten ist nun das passiert, was ich - und mit mir wohl nicht wenige andere Berlinerinnen und Berliner - schon seit längerem erwartet und befürchtet habe: Ein Terroranschlag hat Berlin selbst getroffen.

Glücklicherweise war ich an jenem Abend nicht dort. Obwohl ein Besuch des Weihnachtmarkts auf dem Breitscheidplatz schon allein wegen der relativ geringen Entfernung zu meiner Wohnung nahe gelegen hätte. Allerdings hat mir gerade dieser Weihnachtsmarkt aufgrund seiner offenen und damit sehr zugigen Lage noch nie sonderlich zugesagt. Zudem hatte ich zwei Tage vorher schon einen anderen Berliner Weihnachtsmarkt besucht und hatte so meinen weihnachtlichen Soll sozusagen bereits erfüllt.

Bezeichnenderweise gingen mir bei dem Besuch jenes anderen Weihnachtsmarkts beim Genuss von Bratwurst und Glühwein in diesem Jahr zum ersten Mal auch Gedanken durch den Kopf, wie ich mich bei einem möglichen Terroranschlag verhalten würde. Welche Chancen ich angesichts der dichtgedrängten Menschenmenge um mich herum haben würde, zu einem der wenigen Ausgänge des in einem Innenhof gelegenen Weihnachtsmarkts zu gelangen. Wenn dies überhaupt in der bei einem Anschlag mit großer Wahrscheinlichkeit ausbrechenden Paniksituation möglich wäre. Um mir die Gemütlichkeit sowie das angeregte und heitere Gespräch mit meinen Tischnachbarn nicht zu verderben, schob ich diese unangenehmen Gedanken beiseite.

Ein paar Tage nach dem Anschlag war ich auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, um einen eigenen Eindruck zu gewinnen und ein paar Bilder von der dortigen Stimmung zu machen. Bei der Gelegenheit war ich seit längerer Zeit auch mal wieder in der Gedächtniskirche. Genauer gesagt, in dem achteckigen und mit blauen Glassteinen versehenen Neubau aus dem Jahr 1961, dem Berlinerinnen und Berliner den Spitznamen "Puderdose" gegeben haben.

Beim Verweilen und bei der Beobachtung der zahlreichen, vermutlich ebenfalls durch den Anschlag in die Kirche geführten Besucher wurde mir auf fast beruhigende Weise bewusst, dass sich die Gedächtniskirche in unmittelbarer Nähe des Anschlagsortes befindet. Denn ich denke, wie kaum ein anderer Ort in Berlin, vermag gerade diese Kirche, schwere Gefühle und düstere Seelenzustände aufzufangen und zu bergen.

Nur wenige Meter neben der "Puderdose" erhebt sich der ausgebombte Kirchturm der alten Gedächtniskirche, der auf Druck der Berliner Bevölkerung als Mahnmal an die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs genau so stehengelassen wurde. In der "Puderdose" selbst stieß ich in der Nähe des Kondolenzbuches für die Opfer des Weihnachtsmarkt-Attentats auf das Original der "Stalingrad-Madonna" des deutschen Lazarettarztes Kurt Reuber. An dem Tag sah ich das Gemälde, das zu Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad entstand, zum ersten Mal.

Die einfache Holzkohlezeichnung wirkte düster, stahlte aber gleichzeitig eine große Wärme und Geborgenheit aus. Am rechten Rand des Bildes stehen die Worte: Licht, Leben und Liebe.

In einem Brief an seine Frau schrieb Kurt Reuber über das Gemälde die folgenden Worte:

"Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinandergeneigt, von einem großen Tuch umschlossen, Geborgenheit und Umschließung von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen - und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!"

Im Kondolenzbuch für die Opfer des Attentats hinterließ ich selbst an jenem Nachmittag den folgenden Eintrag:

"Ich finde momentan keine Worte, aber ich möchte nicht sprachlos bleiben. Gott sei mit euch, Matthias aus B."

Ain Kroumir - Portal für Tourismus in Nord-Tunesien © Matthias Schwincke 2014 - Impressum