Ali ist Geschichtslehrer in einer Stadt an der marokkanischen Nordküste. Sein Wohn- und Arbeitsort liegt nicht weit weg von der etwas größeren Stadt Mellila, die sich seit 1497 in spanischem Besitz befindet. Ähnlich wie Ceuta, die vielleicht bekanntere der zwei noch verbliebenen spanischen Enklaven auf marokkanischem Boden.

Begegnet bin ich Ali im letzten November in Bonn. Der Anlass für unser Zusammentreffen war eine mehrtägige Konferenz der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB). Auf der Veranstaltung mit dem Titel "Multilaterale Konferenz zur Wirkung von internationalem Jugendaustausch auf Demokratie und Zivilgesellschaft"  kamen etwa 40 Fachkräfte der internationalen Jugendarbeit aus Tunesien, Marokko, Ägypten und Deutschland zusammen, um eine Bilanz der im Zuge der „Transformationspartnerschaften“ des Auswärtigen Amts begonnenen gemeinsamen Projekte zu ziehen, sich zu vernetzen und Vorschläge für die Zukunft des Jugend- und Fachkräfteaustauschs zwischen Deutschland und Nordafrika zu entwickeln.

Vor allem aufgrund einer hervorragenden Veranstaltungsorganisation und der exzellenten deutsch-arabischen Dolmetscher war die Intensität der Begegnung und des Gedankenaustauschs auf der Konferenz außergewöhnlich. Mit Abstand am intensivsten war für mich die eintägige Arbeit in einer etwa 10-köpfigen Kleingruppe, bestehend aus deutschen, marokkanischen und tunesischen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die alle bereits ein oder mehrere deutsch-nordafrikanische Jugendprojekte durchgeführt hatten. Zu dieser Gruppe gehörten auch Ali und sein Lehrerkollege Abdelhamid. Mit dabei war auch der deutsche Kooperationspartner der beiden, ein in Osterholz-Scharmbeck tätiger, fließend Berberisch sprechender Sozialpädagoge, dessen Eltern vor Jahren aus Marokko nach Deutschland kamen.

Auf welchem Weg wir in unserer Diskussion an den Punkt gelangten, der sich für mich und auch für die anderen Kleingruppenmitglieder als der zentrale Kristallisationspunkt und die wichtigste Herausforderung unserer Arbeit herausstellen sollte, kann ich leider nicht mehr genau rekonstruieren. Ich erinnere mich nur noch daran, dass Ali an dieser Wegfindung einen wichtigen, vielleicht sogar den entscheidenden Anteil hatte. Denn aus seinem Mund kamen die maßgeblichen Worte, die den Verlauf unserer anfänglich noch eher offenen Diskussion auf einen Schlag fokussierten und bis zum Schluss prägen sollten.

Was genau Alis richtungweisenden Gesprächsbeitrag auslöste, ist mir ebenfalls leider entschwunden. In jeden Fall erzählte er an einem Punkt unseres Gespräches in etwa die folgende Geschichte: Bis vor einigen Jahren war die Ausübung des islamischen Glaubens in Marokko vor allem bestimmt durch regionale Bräuche und Traditionen, die geprägt sind durch eine über mehrere Jahrhunderte reichende und facettenreiche Glaubensgeschichte. Gemäß dieser Überlieferung trugen Frauen zur Verschleierung bislang fast ausnahmlos weiße Gewänder.

Die seit einigen Jahren um sich greifende Verbreitung von schwarzen Ganzkörperschleiern (Niqab) und die damit verbundene, extrem enge und strenge Auslegung des Islam sei in Marokko ein "kultureller Fremdkörper" und ein "Import" von ausgewanderten und in Europa vorwiegend in prekären Verhältnissen lebenden jungen Muslimen, die dort vor allem durch von Saudi-Arabien und anderen Staaten bezahlte und unterstützte Imame indoktriniert und radikalisiert worden seien. Neben großen Geldbeträgen aus bestimmten arabischen Staaten sei dieser Vorgang auch begünstigt durch Unkenntnis, falsche Toleranz, Desinteresse bzw. auch absichtliches Wegschauen von Seiten der europäischen Behörden und Zivilgesellschaften.

Alis Gedankengang erschien mir in dieser Deutlichkeit und Brisanz überraschend und neu. Und das Entwaffendste daran war: Die Äußerung von Ali kam ohne jeglichen Vorwurf und erhobenen Zeigefinger daher, eher als nüchterne und fast mit etwas Wehmut konstatierte Erkenntnis: Religiöse (islamistische) Radikalisierung ist auch ein Versäumnis Europas. Oder positiv formuliert: Religiöse Deradikalisierung ist auch eine Verantwortung Europas. In unserer deutsch-arabischen Kleingruppe waren wir uns nach dieser Erkenntnis schnell einig darüber, dass diese Deradikalisierung nur gemeinsam angegangen und versucht werden kann. Und am besten natürlich: durch deutsch-nordafrikanische, am besten multinationale Jugendbegegnung.

In dem sehr treffenden und lesenswerten Abschlussbericht der IJAB-Konferenz findet sich dazu eine Äußerung eines tunesischen Teilnehmers. Sie hätte auch aus dem Mund von Ali kommen können.

„Es gibt in meinem Land keine Tradition des Dschihadismus“, sagt ein Teilnehmer aus Tunesien. „Es sind die jungen Leute, die voller Hoffnung nach Europa gegangen sind, sich in prekären Verhältnissen wiederfanden und sich in Moscheen mit Imamen aus Pakistan, Afghanistan oder Saudi-Arabien radikalisiert haben. Sie bringen den Terror nach Europa und zu uns, in ihre Herkunftsländer. Es ist ein Problem, das wir gemeinsam haben und das wir nur gemeinsam lösen können.“

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