Einen Vorteil hat Tunis für mich (im Vergleich zu Berlin): In Tunis kann ich einen Balkon besitzen. Zumindest, wenn ich mich im Hotel de France einmiete, von dem Friedemann Hergarten in seiner "Maler-Post aus Tunis" berichtet. Es ist wirklich eine Freude in diesem Hotel zu wohnen, dessen Jugendstil-Atmosphäre noch sehr lebendig ist und die für arabische Verhältnisse zudem relativ sorgsam gepflegt wird. Schließlich stammt das Hotel aus der französischen Kolonialzeit, die nicht bei allen Tunesierinnen und Tunesiern die besten Erinnerungen hervorruft. An der Wand hinter dem Mann an der Rezeption hängt sogar noch ein Originalgemälde des deutschen Malers August Macke, das dieser bei seinem Besuch im Jahr 1914, vermutlich als eine Art Bezahlung, dem Hotel überlassen hat. An der Wand rechts neben der Rezeption hängt nun auch ein Aquarell des noch lebenden Malers Friedemann Hergarten, das dieser, vermutlich aus ähnlichen Gründen, dem Hotel im April 2013 vermacht hat.

Nachdem ich unlängst mit Friedemann Hergarten telefoniert habe, um ihn nach der Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Briefes aus Tunis zu fragen, vermute ich, dass ich beim letzten Mal das gleiche Zimmer bewohnte, wo er kurze Zeit vor mir auch gewohnt hatte. Denn die preiswerten Zimmer befinden sich in den oberen Stockwerken und haben einen Balkon zur Straße hinaus. Die teureren Zimmer sind die im ersten und zweiten Stock mit einem Balkon zum idyllischen Innenhof. Bei meinen ersten Besuchen hatte ich immer versucht, ein Zimmer mit Ausblick oder besser gesagt Einblick zum begrünten Hotelgarten zu bekommen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich im Mai 2011 von meinem Balkon aus auch das Foto für den Eintrag vom 22. Juni 2013 machen, das Friedemann Hergarten bei seiner künstlerischen Arbeit im Innenhof zeigt.

Beim letzten Mal habe ich mich auch für eines der günstigen Zimmer ohne Dusche und WC und mit einem Balkon zur Straße entschieden. Zuerst hatte ich ein wenig Bedenken wegen des möglichen Lärms. Doch meine Bedenken erwiesen sich schnell als ungerechtfertigt. Sobald der nahe gelegene Zentralmarkt am späten Nachmittag schließt, wird es ruhig in der Gegend rund um das Hotel. Nur einige kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants haben bis in die Abendstunden geöffnet. Die größte Geräuschkulisse kommt dann tatsächlich von den unzähligen Vögel, die über den Häusern kreisen. Nach Sonnenuntergang verschwinden allerdings auch sie in ihren Nestern. Wie im übrigen auch die meisten Tunesierinnen und Tunesier in diesen Tagen.

Als ich zum ersten Mal den Balkon mit Aussicht zur Straße und auf den Zentralmarkt in Besitz nahm und die Schreie der Schwalben und Mauersegler bemerkte, musste ich unweigerlich an den Hitchcock-Streifen "Die Vögel" denken. Das intensive, schrille Vogelgeschrei über der Innenstadt von Tunis hat irgendwie etwas Aufwühlendes und fast Beunruhigendes. In Berlin klingen die Rufe der Schwalben und Mauersegler in jedem Fall anders. Oder liegt das möglicherweise weniger an den Vögeln als vielmehr an der von Friedemann Hergarten erwähnten "immer bewegten, perligen Luft"? Ich habe mir diese Frage noch nicht beantworten können.

Über den kreischenden Vogelschwärmen konnte ich von meinem Balkon aus von Zeit zu Zeit auch Flugzeuge im Anflug auf den Airport von Tunis-Carthage beobachten. Obwohl die Maschinen bereits recht tief über der Stadt flogen, hatte der Anblick im Gegensatz zu dem Vogelgeschrei fast etwas Beruhigendes an sich. Wenn ich heute genauer darüber nachdenke, lag dieser Beruhigung jedoch ein eher beunruhigender Gedanke zugrunde. Dieser hört sich in etwa wie folgt an: So lange der internationale Flughafen noch offen ist, kommst Du immer hier weg.

Je mehr ich über diesen Satz nachdenke, umso klarer wird mir, in welcher privilegierten Situation ich mich als deutscher Staatsbürger befinde. Ich kann immer wieder zurück nach Deutschland. Zurück in ein wohlhabendes und vielleicht auch deswegen (noch) weitgehend demokratisches und sozial einigermaßen ausgewogenes Land, in dem (noch) weitgehende Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Transparenz, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung und Rechtstaatlichkeit herrschen. Je öfter und je länger ich mich in Afrika aufhalte, desto mehr spüre ich, dass alle diese für uns alltäglichen und selbstverständlichen Dinge im globalen Maßstab betrachtet keineswegs Selbstverständlichkeiten darstellen.

Selbst mit den im Vergleich zu Syrien von direkter Gewalt glücklicherweise (noch?) verschonten Tunesierinnen und Tunesiern möchte ich momentan nicht gerne tauschen. Was viele tunesische Familien auf indirekte Weise in diesen Tagen im Zusammenhang mit dem sogenannten Dschihad in Syrien erleben müssen, darüber berichtete der ARD-Weltspiegel vom 23.6.2013 unter dem Titel "Tunesien - Dschihadisten-Export nach Syrien". Als Ergänzung und inhaltliche Erweiterung dazu empfehle ich den knapp fünfminütigen Hintergrundbericht "Glaubenskriege: Sunniten und Schiiten im Nahen Osten" im Deutschlandfunk vom 25.06.2013 (auffindbar im Audio on Demand zur DLF-Sendereihe "Tag für Tag").

Zur Zeit ist es wirklich nicht leicht in Tunesien, in Ruhe zu leben, geschweige denn, sich tragfähige Zukunftsperspektiven zu schaffen. Wenn diese zwei Dinge dort überhaupt jemals einfach waren, jedenfalls in unserem, westlichen Sinne. Vor diesem Hintergrund habe ich den größten Respekt davor, dass Tunesien und die Mehrzahl seiner Menschen trotz der unsicheren Lage und der wachsenden Bedrängnisse und Gefahren (noch) nicht in Chaos, Anarchie oder Verzweiflung abgleiten. Möge dies so bleiben! Denn die bevorstehenden Wochen und Monate werden sicher nicht einfacher werden.

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