Mir ist bewusst, dass der zeitliche Abstand zum letzten Eintrag recht groß ist. In der guten Absicht, die Lücke nicht zu groß werden zu lassen, hatte ich in den letzten Monaten immer wieder versucht, einen interessanten und aussagekräftigen Blogtext zu verfassen. Leider ist es bei Versuchen geblieben. Aber vielleicht war das ja ganz gut so. Denn eine Schreibpause kann manchmal auch Gutes bewirken.

Der Nachteil an einer langen Pause ist allerdings, dass sich zu viele Ereignisse anhäufen. Dies war auch bei mir der Fall. So sind allein bei dem für mich in diesem Jahr sehr wichtigen JURIK-Projekt bereits drei Projektmodule vergangen, ohne dass ich diese mit einem Blogeintrag begleitet habe. Und daneben sind in Tunesien natürlich auch noch viele andere Dinge passiert, die möglicherweise ebenfalls eine Erwähnung oder einen Kommentar verdient gehabt hätten.

Da dieser Blogeintrag möglicherweise der letzte in diesem Jahr ist, möchte ich mich auf die wichtigsten Ereignisse dieses Jahres beschränken. Dazu zählt für mich vor allem die auf dem Foto zu diesem Beitrag abgebildete Szene. Dabei handelt es sich um die erste Begehung des neugebauten Barfußpfades im Nationalpark El Feija, aller Wahrscheinlichkeit nach der erste seiner Art in ganz Tunesien.

Die kleine Menschenschlange, oder für mein Gefühl noch besser: Menschenraupe, wird angeführt von einer der Verantwortlichen für die Umweltbildung und Junior-Ranger-Arbeit im Nationalpark Harz. Das Ende der Gruppe wird am Ende von dem Verantwortlichen für den Nationalpark El Feija abgesichert. Zwischen diesen beiden Erwachsenen aus Tunesien und Deutschland tastet sich die erste Schüler-Umwelt-Gruppe Tunesiens, mit verbundenen Augen, über die unter ihren Füßen ausgebreiteten Naturmaterialien.

In vielerlei Hinsicht konzentrieren sich in diesem Foto die wichtigsten Errungenschaften dieses Jahres, zumindest in bezug auf mein Engagement in Tunesien. Zum einen ist es 2016 gelungen, den im letzten Jahr konzipierten Naturerlebnis- und Umweltbildungsgarten im Nationalpark El Feija baulich fertigzustellen. Zum anderen konnten parallel dazu in zwei Grundschulen der Provinz Jendouba zwei sehr interessierte und motivierte Schülergruppen ins Leben gerufen werden, die nach dem international anerkannten und in Deutschland sehr erfolgreich praktizierten Junior-Ranger-Modell die Umweltbildung in und um den einzigen Waldnationalpark Tunesiens zukünftig bereichern und vorantreiben werden.

Diese zwei Errungenschaften allein hätten wohl schon einen Blogeintrag verdient. Doch es kommt noch besser: Denn zum nachhaltigen Betrieb und Management des neuen Naturerlebnis- und Umweltbildungsgartens konnte im Rahmen des JURIK-Projekts zwischen fünf regionalen Akteuren aus Verwaltung und Zivilgesellschaft zudem ein Kooperationsvertrag ausgehandelt und unterzeichnet werden. Diese formalisierte und schriftlich fixierte Zusammenarbeit zwischen staatlichen und bürgerschaftlichen Kräften stellt – wie der Naturerlebnis- und Umweltbildungsgarten selbst – mit ziemlicher Sicherheit ein Novum im heutigen Tunesien dar.

Vor diesem in vielerlei Hinsicht erfreulichen Hintergrund sehe ich dem nächsten Jahr auch recht optimistisch entgegen. Zumindest, was die weitere Entwicklung in der Provinz Jendouba angeht. Wie die Entwicklung im gesamten Land weitergehen wird, kann ich nur schwer abschätzen.

Auf der Grundlage der flüchtigen und begrenzten Eindrücke, die ich auf der internationalen Investorenkonferenz „Tunisia 2020“ Ende November in Tunis sammeln konnte, sieht die allgemeine Großwetterlage in Tunesien eher nicht so gut aus. Aufgrund der hohen Staatsverschuldung und der nach wie vor hohen (Jugend-)Arbeitslosigkeit ist das Land stark auf ausländische Investitionen angewiesen. Diese wurden auf der Konferenz vor allem von Katar und Frankreich in Aussicht gestellt. Ob die damit verbundenen Abhängigkeiten sich auf mittlere und lange Sicht positiv auf die demokratische Entwicklung in Tunesien auswirken, würde ich eher bezweifeln. Zum einen ist Katar nicht gerade ein demokratisches Vorbildland. Und auch Frankreich scheint mir angesichts der dort im nächsten Jahr anstehenden politischen Veränderungen ebenfalls kein so guter langfristiger Partner für Tunesien zu sein.

Soweit ich durch Gespräche innerhalb der deutschen Delegation auf der Konferenz erfahren konnte, hielt sich die angeblich sehr positive Wirkung der Konferenz in deutschen Unternehmerkreisen leider in Grenzen. Demnach erhielten – ob gewollt oder ungewollt – sogar einige Teile der deutschen Delegation, darunter immerhin der deutsche Botschafter in Tunesien, keinen und nur sehr schwer einen Zugang zur offiziellen Hauptveranstaltung am Vormittag des 29. November. Und das, obwohl sie bereits einen offiziellen Besucherausweis besaßen, für dessen Ausfertigung ich selbst am Konferenzschalter aufgrund technischer Störungen des Computersystems über eine Stunde warten musste…

Sowohl in der Plenumsveranstaltung als auch im Nachmittags-Workshop hatte ich anschließend den Eindruck, einer rein internen, tunesischen Diskussion innerhalb einer gut abgezirkelten politischen und wirtschaftlichen Kaste beizuwohnen. Sprich: unter Akteuren zu sein, die einander seit Jahren kennen und die im Grunde genommen keinerlei Interesse an Veränderungen am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status Quo haben. Und die zudem – und das ist möglicherweise noch schlimmer – für notwendige Veränderungen auch keinerlei Kreativ- und Innovationspotenzial hätten. Zumindest erschienen mir die im besuchten Tourismus-Workshop vorgestellten Visionen wie ein schaler Aufguss von bereits seit Jahren auf der ITB Berlin immer wieder vorgestellten und ausgetretenen „Ideen“.

Nach dieser recht ernüchternden Erfahrung in dem einem militärischen Sperrbezirk gleichenden Konferenzzentrum wundert es mich dann auch kaum, in einem aktuellen Telepolis-Artikel unter dem Titel „Tunesien: Ein Großteil der Jugend „hat die Nase voll“ und will raus“ zu lesen, dass ein ziemlich hoher Anteil von jungen Tunesiern und Tunesierinnen, nämlich rund 45 Prozent, offenbar dazu bereit ist, ihr Land zu verlassen, selbst auf illegale Weise. Angesichts dessen schlägt die in diesem Jahr erlebte Veränderungs- und Innovationsbereitschaft von einigen Akteuren in der Provinz Jendouba wohl noch umso höher zu Buche. Ich würde mich in jedem Fall sehr freuen, wenn die positive regionale Stimmung erfolgreich über den feucht-kalten Winter von Nordwest-Tunesien kommt und sich die erste Raupe im Naturerlebnis- und Umweltbildungsgarten des Nationalparks El Feija schon bald in einen schönen und inspirierenden Schmetterling verwandelt. Trotz alledem, was im heranziehenden tunesischen Winter im Rest des Landes noch so alles passieren mag.

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