Leider kommen die Einschläge allmählich näher. Zumindest hat der Terror in einem unserer europäischen Nachbarländer drei weitere Berliner Menschenleben gefordert, nach dem im Januar 2016 in Istanbul ermordeten Ehepaar aus Berlin-Köpenick. Wie nun auch das Auswärtige Amt offiziell bestätigt hat, kamen bei dem aktuellen Anschlag in Nizza zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus einer Oberschule in meinem Nachbarbezirk Berlin-Charlottenburg ums Leben. Sie waren etwa im gleichen Alter wie die Jugendlichen, die vor ein paar Tagen mit großer Begeisterung und Unbeschwertheit in einem benachbarten Park auf einem Familien-Open-Air-Fest gespielt haben. Über ihren Köpfen hingen die Flaggen von Europa, Deutschland und Berlin, jeweils mit Trauerflor. Nach den derzeitigen Erkenntnissen der französischen Ermittlungsbehörden war der Täter von Nizza erneut ein Tunesier, wie der des Anschlags auf den tunesischen Touristenort Port el Kantaoui, bei dem 2015 zwei Deutsche starben. Die große Zahl von Tunesiern, die in verschiedenen Terrorgruppen, unter anderem beim "Islamischen Staat", mitkämpfen, ist mittlerweile schon in zahlreichen Artikeln beschrieben worden. Ein aktueller, sehr fundierter, etwa einstündiger Hintergrundbeitrag zu diesem Thema ist am 18.7.2016 vom Schweizer Rundfunk SRF unter dem Titel "Die «dritte Generation» von Jihadisten und ihre Strategie" ausgestrahlt worden. Neben einem Interview mit dem französischen Islamismusforscher Gilles Kepel zum jihadistischen Salafismus enthält die Sendung des Maghreb-Spezialisten Beat Stauffer Reportagen über über die islamistische, tunesische Nahda-Partei auf dem Pfad der Demokratie sowie über junge tunesische Jihadisten und ihre verzweifelten Familien. Wie bereits in früheren Blogeinträgen erwähnt (siehe "Erinnerung an Ali" und "Zaghouan plus 5"), ist die Verhinderung der Radikalisierung von jungen tunesischen Erwachsenen auch einer der Schwerpunkte der vom Auswärtigen Amt im Rahmen der Deutsch-Tunesischen Transformationspartnerschaft geförderten Projekte von ENEA e.V.. Im Rahmen des diesjährigen Vorhabens JURIK plane ich gerade das Programm für den Besuch der deutsch-tunesischen Projektgruppe im Nationalpark Harz (siehe dazu den Blogeintrag "Lernen von Lotta"). Ein wichtiger inhaltlicher Bezugs- und Orientierungspunkt ist für mich dabei die 2015 von allen Staaten der Welt beschlossene "Agenda 2030" der Vereinten Nationen, die insgesamt 17 sogenannte Nachhaltige Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals = SDGs) beinhaltet. Wie ich im letzten Jahr in Gesprächen mit Verantwortlichen aus dem Bundesentwicklungs- und dem Bundesumweltministeriums erfahren habe, war und ist Deutschland einer der treibenden Kräfte bei der Vorbereitung und Umsetzung der SDGs. Diese Vorreiterrolle drückt sich unter anderem darin aus, dass Deutschland am 12.7.2016 als eine der ersten Nationen weltweit dem für den Agenda-2030-Prozess verantwortlichen High Level Polical Forum (HLPF) der Vereinten Nationen seinen Bericht zum derzeitigen Umsetzung der SDGs in Deutschland vorgelegt hat. Laut der vorab veröffentlichten englischen Kurzfassung sind die obersten Leitprinzipien der deutschen Nachhaltigkeitspolitik: Generationengerechtigkeit, Lebensqualität, sozialer Zusammenhalt und internationale Verantwortung. Die Schwerpunkte der davon abgeleiteten deutschen Entwicklungspolitik liegen neben dem Kampf gegen Hunger und Armut in der Förderung von nachhaltigen Zukunftsperspektiven, insbesondere von jungen Menschen, in der Bekämpfung von Fluchtursachen sowie in der Vermeidung bzw. Eindämmung des Klimawandels und der Bewahrung natürlicher Ressourcen. In der deutschsprachigen Gesamtfassung des HLPF-Berichts betont die Bundesregierung auf Seite 56 in ihren Ausführungen zum SDG 17 auch die Bedeutung von internationaler Zusammenarbeit. Im Originalwortlaut: "Die Agenda 2030 wird von einer globalen Partnerschaft getragen, die das alte Geber-Nehmer-Denken überwindet und auch nichtstaatliche Akteure in die Pflicht nimmt. Nur mit einer solchen globalen Partnerschaft in gegenseitigem Respekt, mit gemeinsam getragenen Werten und der gebündelten Kraftanstrengung aller Akteure können die Ziele der Agenda erreicht werden." Vor diesem Hintergrund sehe ich auch die deutsch-tunesischen Aktivitäten des JURIK-Projekts als SDG-Vorreiter-Initiative. Denn beim nächsten Zusammentreffen werden neben der tunesischen Projektverantwortlichen von der Umwelt- und Naturschutz-NGO Sidi Bou Zitoun, zwei Vertretern der Forstverwaltung Ghardimaou und einem Lehrer aus der Region Jendouba auch drei tunesische Jugendliche mit von der Partie sein. Dazu kommen auf deutscher Seite ökologisch und pädagogisch erfahrene Fachleute vom BUND Niedersachsen und vom Nationalpark Harz sowie mehrere in der Umweltbildung bzw. in der Junior Ranger Arbeit von anderen Schutzgebieten erprobte Jugendliche und junge Erwachsene. Nach der aktuellen Planung des Besuchsprogramms wird sich diese "Multi-Akteur-Partnerschaft" im Rahmen eines Feldprojekts zum Kreislauf des Wassers unter anderem mit dem Fluss Bode und seiner Quelle befassen. Denn schließlich gibt es auch ein SDG, das bis zum Jahr 2030 die "Sicherstellung der Verfügbarkeit und nachhaltigen Verwaltung von Wasser und sanitären Einrichtungen für alle" fordert (SDG 6).  Diese Forderung betrifft auch die Herkunftsregion unserer tunesischen Gäste. Denn obwohl es sich dabei um die wasserreichste Region Tunesien handelt, haben viele dort lebende Menschen noch immer keinen Zugang zur staatlichen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung.
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