Liebe Freunde,

zuerst wird man hier von den Schwalben begrüßt. Sie kreisen zu Tausenden über der Stadt im hellen, schönsten Licht und der immer bewegten, perligen Luft, die dem Maler die Seele öffnet. Tunesien ist ein reiches Land, an Früchten von Land wie vom Meer. Alles Land ist bebaut, und wo es karger ist oder in die Berge geht, wachsen die Oliven, Mandeln oder im Süden die Datteln. Aber der Reichtum kommt durch das Wasser, davon die Kulturen und Gemüsegärten üppig bedacht werden. Die Quellen sind in den Bergen, und es gibt Flüsse, die zum Meer hin ziehen, sie sind lehmfarbig und bewachsen. So könnte ich mir "den Jordan" vorstellen. Dann gibt es auch heiße Quellen, Thermen mit großer Heilkraft, zum Teil als kleine, ganz einfache Kurorte. Kommt dann einmal das Rheuma bei mir, werde ich hierher zurückkehren.

In Korbous kommt ein Riesenschuss mit 65 Grad Celsius direkt aus dem Berg, fließt durch alte, runde römische Becken, von dort über Felsen direkt ins Meer. Dort sitzt man dann halb darunter, halb in einer Grotte. Heißes von der Therme, Kaltes durch die Meereswellen. Dieser wunderbare Wechsel ist unvergesslich. Die Frauen gehen mit den Kleidern ins Wasser. Ein wurzelkleiner Mann, immer mit dem Besen in der Hand, ist so etwas wie ein Wichtel, der die Quelle hütet. So ziehe ich durch das Land, benutze die Eisenbahnen, die mit uralten Dieselloks, aber doch ganz rasant ins Weite ziehen.

Mein Hauptpunkt ist die Hauptstadt Tunis, wo ich im "Hotel de France" an der Medina, neben dem herrlichen Zentralmarkt, logiere. Hier stieg 1914 August Macke mit seinen Freunden Paul Klee und Louis Moilliet ab, und genau so im alten französischen Jugendstil ist vieles hier noch erhalten. Nicht weit weg ist der Bahnhof, von wo man die Hupsignale hört, und von der Medina kommt ab 5 Uhr morgens das Rufen mit Lautsprecher von der Moschee. Aber Schwalben kreisen in unserem kleinen, herrlichen Hotelgarten und sprechen zu der befreienden Seele des Malers. Sie haben ihre Nester in alten verlassenen Häusern, aber auch im Wipfelinneren der hohen Palmen.

Diese Beweglichkeit finden wir hier auch bei den Menschen. Vieles geht mehr im Spielerischen, sie selbst wirken sportlich, schlank wie Tänzer und schön, besonders die jungen Männer. Alle mit Zähnen wir Perlenketten, wenige Brillenträger. Höchstens bei alten Weibern Dickleibigkeit. Wir treffen hier auf viele Kräuterhändler, die alte Volksmedizin wird noch angewandt. Apotheken sind selten.

Ich selber liebe den frisch gepressten Orangensaft, eine Art "Ayran" herrliche Dickmilch, Oliven, Datteln und Couscous-Gerichte. Draußen auf dem Land gibt es viele Hirten mit ihren Schafen, Ziegen und Kühen, aber auch Esel zum Transportieren. Das erste Heu ist geschnitten, der Weizen schickt schon seine Grannen. Die Märkte sind mit Bergen von Gemüse, Obst, Fischen und Kräutern angefüllt. Wäre ich hier, ich würde mir eine Köchin nehmen und täglich von allen frischesten, königlichsten Dingen kochen lassen.

Doch wir Künstler und geistig Strebenden haben ja noch andere "Nahrungsquellen". Was sehr gut hier geht, ist dass man geistig gut arbeiten kann, also Anthroposophie studieren gelingt. Das macht wohl der lebendige Ätherraum von diesem Kontinent aus. Mein Freund, der schweizerische Maler Heinz R., bestätigte mir das besonders. Aber er hat es nicht leicht in dieser muslimischen Atmosphäre. Die Menschen merken dies und fühlen unbewusst Störendes. Ich selber habe mich ja dieses Mal auch auf das Gesellschaftliche, Moralisch-Sittliche des Muslimischen eingelassen, also beschäftigt, besonders durch die Erfahrungen und Gespräche mit Heinz R., der im zweiten Jahr hier ganz auf dem Lande lebt und die merkwürdigsten Dinge erlebt, die nur aus dem Sittlich-Moralischen der Religion kommen. Und doch ist Tunesien weit lebendiger, jugendlicher und gebildeter als die anderen arabischen Länder.

Aber als Maler kann es einem hier nur gut gehen, wie bewegt und mit Licht überflutet, von der Landschaft immer neu berührt, die verspielte, schöne Architektur, die Rhythmus und Klänge erzeugen und unseren Geist und unsere Seele jung halten.

Habe wunderschöne orientalische Vorhänge, Räucherwerk, Tees und einen Bildband in Französisch über die Tunesienreise von Macke, Klee und Moilliet gekauft. Morgen geht es via Paris zurück ins schöne "Badische Ländle". Jetzt gibt es in den Kirschgärten zu tun, mit den biodynamischen Freunden Präparate herstellen. Die Kunst verschönern und versuchen, Geist und Materie immer mehr mit Liebe zu durchdringen.

Liebe Freunde, bleiben wir jung und anziehend und mit Freude den Dingen zugewendet, die uns ihren Dank immer gerne zurückgeben.

Auf ein Wiedersehen,
Euer Friedemann Hergarten

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