Meine ruhige, einspurige Wohnstraße in Berlin mündet in eine breite, stark befahrene Durchgangsstraße mit jeweils zwei Fahrspuren und einer Busspur, die voneinander durch einen Mittelstreifen getrennt sind. Zu ungünstigen Zeiten stehe ich manchmal minutenlang an der Straßenecke, bevor ich zumindest auf den Mittelstreifen der Verkehrsader gelange, wo ich dann nicht selten abermals ein paar Minuten warten muss, um schließlich über die Gegenfahrbahn zu kommen.

Während ich auf diese Weise unfreiwillig dem Berliner Eckensteher Nante nacheifere und mich beim Warten fast jedes Mal über die Menge der vorbeifahrenden Autos wundere, studiere ich zum Zeitvertreib oft die Preisschilder der auf der anderen Straßenecke liegenden Tankstelle. Seit einiger Zeit erblicke ich dort Benzinpreise, die mir zu denken geben. Denn als jemand, der den "Ölpreisschock" und "Autofreie Sonntage" noch persönlich erlebt hat, schießt mir angesichts der niedrigen Preise automatisch eine (vermeintliche) Erkenntnis aus eben jener Zeit in den Kopf: Immer wenn es im Nahen und Mittleren Osten Krieg oder Krisen gibt, gehen die Benzinpreise nach oben.

Nun tobt aber der sogenannte Bürgerkrieg in Syrien, mit Ableger im Irak, nun schon fast fünf Jahre und von steigenden Benzinpreisen kann nicht die Rede sein. Im Zusammenhang mit diesem für mich schwer erklärbaren Sachverhalt bin ich kurz vor Weihnachten auf der Webseite www.voltairenet.org auf einen interessanten Artikel unter dem Titel "Wer vermarktet das durch Daesh gestohlene Öl?" gestoßen. In dem Beitrag wird zunächst eine Pressekonferenz des russischen Verteidigungsministeriums vom 3.12.2015 erwähnt, auf der die Verwicklung der Türkei in die Vermarktung des gestohlenen Öls angeblich aufgedeckt wurde (siehe dazu auch der Voltairenet-Artikel "Russland zeigt die Beweise des Öl-Schmuggels von Daesh über die Türkei").

Obwohl die Luftbilder und die Ausführungen des russischen Verteidigungsministeriums recht interessant sind, bin ich als "Kind des Kalten Krieges" naturgemäß immer etwas vorsichtig gegenüber russischen Quellen. Zumal die Art der Präsentation auf der Pressekonferenz mich auch ein wenig an den Auftritt von US-Außenminister Colin Powell auf der entscheidenden Sitzung des UN-Sicherheitsrats vom Februar 2003 vor dem zweiten Irakkrieg erinnerte, wo dieser angebliche Beweise für biologische und chemische Waffen sowie für Bauteile atomarer Waffen im Irak präsentierte, die sich später alle als falsch herausstellten.

In dem zuerst genannten Voltairenet-Artikel wird neben der Pressekonferenz des russischen Verteidigungsministeriums allerdings auch noch auf eine andere Quelle verwiesen, bei der es mir schwerer fällt, diese als russische Propaganda von der Hand zu weisen. Demnach erschien am 13.12.2015 in der maltesischen Tageszeitung "Malta Independent" ein Artikel mit dem Titel "Maltese ships owned by Turkish president’s son being implicated in ISIS oil trade". In diesem recht umfangreichen und offenbar recht gründlich recherchierten Beitrag ist unter anderem davon die Rede, dass die maltesischen Behörden eine Untersuchung über insgesamt fünf Schiffe der Reederei-Gruppe BMZ eingeleitet haben, die dem türkischen Präsidentensohn Necmettin Bilal Erdoğan gehört. Der Grund der Ermittlungen: Die in Malta registrierten und unter maltesischer Flagge fahrenden Tanker transportieren angeblich von ISIS gestohlenes Erdöl.

Interessanterweise erschien nur drei Tage später in der gleichen maltesischen Zeitung ein "offizieller" Artikel der türkischen Regierung unter dem Titel "Turkey speaks of its determination to fight terrorism and oil smuggling". Dort bekräftigt die Staatsführung der Türkei ihre Entschlossenheit im Kampf gegen ISIS und versucht den Vorwurf einer türkischen Verstrickung in den Schmuggel von gestohlenem syrischen bzw. irakischen Erdöl zu entkräften.

Über eine russische Quelle, nämlich die Webseite des Fernsehkanals Russia Today (RT), bin ich am 20.12.2015 auf einen weiteren, ebenfalls eher glaubwürdigen Hinweis auf einen möglichen Schmuggel und Schwarzmarktverkauf des ISIS-Öls durch die Türkei aufmerksam geworden. In einem englischsprachigen Beitrag mit dem Titel "Most smuggled ISIS oil goes to Turkey, sold at low prices – Norwegian report" verweist RT auf eine hochkarätige norwegische Untersuchung zu diesem Thema, aus der am 17.12.2015 in einem Artikel der norwegischen Tageszeitung "Klassekampen" zitiert wird.

Dieser norwegische Artikel ("Terror-olje til Nato-alliert") beruft sich auf einen aktuellen Bericht, den die unabhängige Öl-und-Gas-Beratungsfirma Rystad Energy im Auftrag des norwegischen Außenministeriums erstellt hat. Nach den im originalen Wortlaut veröffentlichten Zitaten aus diesem Bericht ist auch dort ausdrücklich von einem Schmuggel des vom ISIS gestohlenen Öls in die Türkei und einer anschließenden Verschiffung per Tanker die Rede. Die Vermarktung des Öls auf dem Schwarzmarkt erfolgt laut dem Bericht von Rystad Energy zu stark reduzierten Preisen zwischen 25 und 45 Dollar pro Barrel. Der Richtwert für ein Fass Brent-Rohöl liegt im regulären Handel derzeit zwischen 35 und 50 Dollar.

Sollten die aktuell sehr niedrigen Benzinpreise in Deutschland vielleicht doch auch etwas mit der Terrormiliz ISIS in Syrien und im Irak zu tun haben? Wenn dem so wäre, wären Tankende in gewisser Hinsicht heimliche bzw. unwissende Nutznießer des ISIS-Terrors. Auch würde ein NATO-Mitgliedsstaat und EU-Beitrittskandidat genau den Terror finanzieren, den die NATO und einige EU-Staaten nach offiziellen Angaben gerade mit großen Anstrengungen bekämpfen. Beides wären keine so schönen Befunde, die noch dazu unangenehme Fragen nach sich ziehen würden.

Vielleicht werde ich darüber noch einmal genauer nachdenken, wenn ich das nächste Mal an der nach dem deutschen Reformator Martin Luther benannten Straße auf eine Lücke im Autostrom warte.

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