Wieder mal eine längere Sendepause. Dafür hatte ich glücklicherweise im Dezember die Gelegenheit, noch ein zweites Mal im Jahr 2017 nach Tunesien zu fahren. Der offizielle Anlass für meine knapp zweiwöchige Reise war eine mehrtägige Konferenz unter dem Titel "Dialogue me to Network". Der Ausrichter der hochkarätigen Veranstaltung zum Jugendaustausch zwischen Deutschland, Tunesien, Marokko und Ägypten war IJAB - die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V..


Einige der deutschen und nordafrikanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kannte ich bereits von der Vorläufer-Konferenz, die IJAB im Spätherbst 2015 in Bonn organisiert sowie sehr professionell und erfolgreich durchgeführt hatte. Den stärksten Eindruck auf mich hatte damals ein Geschichtslehrer namens Ali aus einer nordmarokkanischen Küstenstadt hinterlassen (siehe Blogeintrag "Erinnerung an Ali"). Wie ich vorab zu meiner Freude auf der Teilnehmerliste feststellte, war Ali auch dieses Mal mit von der Partie.


Im Gegensatz zum Bonner Vorläufer-Treffen befand sich Ali diesmal allerdings in einer anderen Rolle. Denn die Organisation, als deren Vertreter ich ihn 2015 kennengelernt hatte, trat nun in Tunesien als offizieller Unterstützer auf. Dementsprechend war Ali während der Konferenz zwar permanent und prominent sichtbar, aber leider auch seriös, recht zurückhaltend und fast etwas gehemmt. Dieses durch den formalen Rahmen bedingte Verhalten bedauerte ich zuerst etwas, denn 2015 hatte ich Ali als hochintelligenten und hellwachen Zeitgenossen kennengelernt, der kein Blatt vor den Mund nahm und so die Bonner Veranstaltung mit seinen originellen Sichtweisen, Einsichten und Erfahrungswerten auf außergewöhnliche Weise bereichert hatte.


Aufgrund der anderen Begleitumstände kam ich mit Ali dieses Mal leider erst am letzten Abend in einen näheren Austausch. Auf der Busfahrt zu unserer Abschlussfeier in der Medina von Tunis befragte ich ihn zunächst zu einem Thema, auf das ich im Oktober 2017 durch eine Sendung im Deutschlandfunk mit dem Titel „Bis die Araber klein beigeben...“ aufmerksam geworden war. In dem über 40-minütigen Radio-Feature ging es um einen Kolonialkrieg, der von Spanien zwischen 1921 bis 1926 gegen die kabylische Bevölkerung des marokkanischen Rif-Gebirges geführt wurde. Dabei wurden angeblich zum ersten Mal in der Geschichte Senfgas-Bomben von Flugzeugen aus auf eine Zivilbevölkerung abgeworfen.


Auch Deutschland spielte in dieser Auseinandersetzung eine Rolle, denn das in den spanischen Fliegerbomben verwendete Kampfgas stammte aus deutscher Produktion. Nur wenige Jahre zuvor waren es in den Schützengräben des Ersten Weltkrieg "erfolgreich erprobt" worden. Da dessen Herstellung in Deutschland anschließend wegen des Versailler Friedensvertrages verboten war, wurde das nur wenige Jahre später in Marokko eingesetzte Giftgas mit Hilfe einer neu errichteten Produktionsanlage in einem Naturschutzgebiet im südlichen Madrid produziert, und der deutsche Fabrikant namens Dr. Hugo Stoltzenberg erhielt zudem sicherheitshalber die spanische Staatsbürgerschaft. Ali bestätigte den Wahrheitsgehalt dieser dunklen Geschichte und wies auf die andauernden Folgewirkungen hin. Demnach stammten noch heute 60 % der Lungenkrebspatienten des Krebszentrums in Rabat aus dem Einsatzgebiet der Chemiewaffen rund um seine Heimatstadt Al-Hoceima.


Anschließend kamen wir auf die von ihm seit 2015 begleiteten Austausch-Projekte mit Jugendlichen aus Deutschland, Marokko und Polen zu sprechen. Im Jahr 2017 hatte die trinationale Gruppe bei ihrem Deutschlandbesuch auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin zum ersten Mal das Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht. Seine Ausführungen zu den dort gemachten Eindrücken und Erfahrungen erinnerten mich an eine Reise, die ich selbst Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Lehramts-Referendar mit einer Berliner Schülergruppe ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gemacht hatte.


Die erdrückende Gesamtwirkung der Begegnung mit einem Konzentrationslager hatte Alis Gruppe offenbar ähnlich wie ich erfahren. Überraschend anders klangen die Erkenntnisse, die laut Ali vor allem die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer daraus zogen. Die zumeist aus Migrantenfamilien stammenden Jugendlichen zeigten sich demnach sehr erleichtert und fast dankbar darüber, dass sie heute und nicht zu einer früheren Zeit in Deutschland leben. Ein ähnlicher Gedanke war zwar auch in der seinerzeit von mir begleiteten Gruppe aufgetaucht, aber insgesamt überwog bei uns allen damals das sehr belastende Gefühl einer schuldhaften Verstrickung.


Da ich mich auch nach über 25 Jahren noch sehr gut an diese bleierne Schwere erinnern kann, fragte ich Ali, wie er in seiner Gruppe die durch die Begegnung mit dem Konzentrationslager ausgelöste Spannung und Bedrückung verarbeiten konnte. Seine Antwort war die eines studierten Historikers aus Marokko: Er fragte mich zunächst nach der zeitlichen Dauer des sogenannten Dritten Reiches. Dann setzte er die - weltgeschichtlich gesehen – über einen vergleichweise kurzen Zeitraum in und durch Deutschland verübte Barbarei in Beziehung mit der über Jahrhunderte erlittenen Erniedrigung, Unterdrückung, Ausplünderung, Versklavung und Vernichtung von außereuropäischen Völkern, verübt durch die alten Kolonialmächte Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien sowie seit dem Zweiten Weltkrieg auch durch die USA.


Da unser Bus am Ziel war, hatten wir leider nicht mehr die Gelegenheit, unser Gespräch zu vertiefen. Beim anschließenden, festlichen Abendessen war Ali wie auch ich mit dem Genuss der vorzüglichen tunesischen Speisen beschäftigt. Anschließend wurde getanzt und gesungen. Auch Ali hat getanzt und gesungen. Und auch ich habe getanzt und gesungen. Das von mir und einigen Unterstützerinnen und Unterstützern aus der deutschen Delegation dargebotene Lied sollte das letzte des Abends werden. Danach hatte der Wirt offensichtlich von unserer Gruppe genug. Oder von den düsteren Klängen unseres musikalischen deutschen Gastgeschenks: "Hejo, spann den Wagen an".


Wie Alis Lied hieß und wovon es handelte, vergaß ich ihn leider zu fragen. Aber vielleicht gibt es ja irgendwo und irgendwann ein neues Wiedersehen mit Ali. Hoffentlich! Oder auf Arabisch: Inchallah!

Ain Kroumir - Portal für Tourismus in Nord-Tunesien © Matthias Schwincke 2014 - Impressum